Screenshot

Digitale Gefühle

 

Langweilige Schullektüre für die einen, immer wieder gelesenes Lieblingsbuch für die anderen: „Die Leiden des Jungen Werther" kennen wir als Briefroman von Goethe, geschrieben 1774. Hoffnungslos antiquiert also? Nein, sagt das Team von „werther.live" und holt den Stoff in einer interaktiven Online-Version ins Jahr 2020.


Premiere: 5.11.2020

 

Von Sophie Vondung

 

„Schön, dass Du da bist. Stelle die Videoqualität am besten auf 1080p", werde ich im Livestream begrüßt. Dann ertönt ein Gong. Der weckt Erinnerungen: Vor der Vorstellung im Foyer zu sitzen, aufgeregtes Geschnatter um dich rum. Hach, war das schön. Zum Hinterhertrauern ist das Team von „werther.live" aber nicht angetreten, ganz im Gegenteil. „Abgefilmte Bühnen? Theatermonologe vor Webcams? Das ist hier fehl am Platz. Wir glauben, dass digitales Theater eine neue Form des Erzählens möglich macht." Mit dieser klaren Ansage will die Gruppe „Die Leiden des jungen Werther"wieder neu zugänglich machen.

 

Chips mampfend sitzt Wilhelm (Florian Gerteis) da. Inception-mäßig läuft schon der Abspann des Stücks über seinen Bildschirm. „Digga, dass du dich wegen ‘nem Girl umbringst, ist das nicht ein bisschen melodramatisch?" So nimmt er im Zoom-Gespräch mit Werther flapsig das Ende der Geschichte vorweg. „Fuck you, ey", erwidert Werther (Jonny Hoff) lachend. Schon in den ersten Minuten wird klar: Scheue Originaltreue ist hier nicht an der Tagesordnung. Stattdessen lassen die Spielenden ihre Jugendsprache unverblümt fließen. Und machen das so locker und überzeugend, dass man das Gefühl hat, in eine echte Online-Konversation hineingesogen zu werden.

 

Per Bildschirmübertagung verfolgt das Publikum Werthers Online-Aktivitäten. Die Charaktere tauchen also nur in Videotelefonaten selbst auf dem Bildschirm auf, ansonsten sind sie in ihren Mausbewegungen und Hintergrundgeräuschen präsent. Werthers Cursor schwebt zögernd über seinem Instagram-Feed. „Jonny Go! ", ruft Regisseurin Cosmea Spelleken rein. Nicht für unsere Ohrengedacht, muten solche Einrufe doch menschlich an, und lassen erahnen, was für ein technisches Wunder es eigentlich ist, dass hier alles so glatt läuft, wie es das an diesem Premierenabend ansonsten tut (Technik: Leonard Wölfl).

 

Ein Anruf unterbricht das Zoom Gespräch von Werther und Willy. Es ist Charlotte Stein (Klara Wördemann). „Ich ruf an wegen des Buchs das Sie bestellt haben." Die beiden tänzeln aufgeregt zwischen Siezen und Duzen, zwischen professionellem Verkaufsgespräch und persönlichem Interessehin und her. Und landen schließlich im WhatsApp-Chat, wo Werther direkt Lottes Profilbild auscheckt.

 

Freundschaftsanfrage an Werther

 

„Wow, das sind aber viele Geschwister!" - „Wofür brauchst Du das Buch eigentlich?" - „Ich arbeite viel an Collagen und dafür brauche ich neues Material". So kommen die beiden ins Gespräch und verabreden sich zu einem „Treffen im digitalen Raum". Werthers Collagen kann das Publikum schon im Vorfeld bei Instagram bewundern (Collagen: Pia Matthes, Su Lu und Cosmea Spelleken). Denn jeder der Charaktere hat eine echte Online-Präsenz. So kann man Werther, Lotte oder Albert eine Freundschaftsanfrage schicken und mit ihnen in Kontakt treten. Die Posts reichen zurück bis in den Sommer. Bei Lotte finden sich Fotos im Reto-Chic, oft mit ihrem Freund Albert (Michael Kranz). #lieblingsmensch, #candlelightdinner und rote Herzen. In diese Idylle grätscht Werther bald hinein.

 

Bei einem Glas Wein unterhält er sich mit Lotte auf Zoom, draußen wütet ein Gewitter. Eine Lebensrealität, in der viele sich aktuell wiederfinden dürften. Sie lachen unsicher, machen lange Pausen, warten geduldig auf die wohlüberlegten Antworten ihres Gegenübers.

 

Wie verliebt man sich digital? Werther liket Lottes Fotos, schwärmt von ihr in Sprachnachrichten an Willy. Schickt ihm Fotos. Willy: Ohaaaa, viel zu hübsch für dich! Lachender Smiley. Aber da ist ja leider noch Lottes Freund Albert. Der macht humanitäre Arbeit, wie sein Profil verlauten lässt. Natürlich wird das direkt von Willy und Werther kommentiert. „Alter, was für ein Gutmensch. Der ist ja fucking Jesus!" „Boah Digga, das ist unser nächster Bundespräsident!"

 

Von der Schreibmaschine zum Videocall

 

Solche Chat-Sessions unterbrechen Zwischensequenzen, in denen die Charaktere zu ruhiger Gitarrenmusik (Musik: Jonas Rausch) ihre Gedanken in eine Schreibmaschine tippen. So schafft das Stück den Spagat zurück zum Original - und Goethes Briefroman erhält doch noch im Originalwortlaut Einzug ins Digitale.

 

Irgendwann muss Lotte sich entscheiden. Kontaktabbruch mit Werther. Sein Mauszeiger arbeitet an einer neuen Collage. Im Hintergrund zieht er den Rotz hoch, die Schluchzer bleiben ihm im Rachen stecken. Sein Schmerz wird durch den Bildschirm deutlich spürbar. In über den Bildschirm huschenden Großportraits von Lotte manifestiert sich schließlich sein Liebeskummer, unterlegt von einer Kakophonie aus deren gemeinsamen Liedern. Die Verzweiflung schwappt über, Werther steuert seiner persönlichen Katastrophe entgegen.

 

Die Bildschirmübertragung hat etwas intimes, ist doch der eigene Laptop besonders in letzter Zeit zu einer Schatulle des persönlichen sozialen Lebens geworden. Auch wenn die Charaktere nicht zu sehen sind, sind sie doch in ihren Cursorbewegungen oder ihrem Tippen sehr präsent. Die Schreibmaschinen-Interludien bieten einen sinnliche Ruhe-Oase zwischen dem geschäftigen Online-Treiben. Und die Originalbriefe kontrastieren zwar die jugendliche Chat-Sprache der Charaktere, ergänzen aber deren Vintage-verliebte Online-Präsenz perfekt. Angesichts ihre Literaturliebe hat der Ausdruck im getippten Brief auch nichts Unpassendes, sondern hebt das übrige Geschehen auf eine andere Ebene. Dem Team von „Werther.Live" gelingt es also eindrucksvoll, ihr Versprechen, eine neue, digitale Form des Erzählens zu schaffen, einzulösen.

 

„werther.live" läuft am 15. und 16. 11., sowie am 4. und 6. 12.. Livestream und Tickets findet ihr unter werther-live.de.

 

 

------------------------------------------------------------

 


Das Ensemble von „Jugend ohne Gott". Foto: Ana Lukenda

Ist Gott noch systemrelevant?

 

Am Schauspiel Köln feierte das Import Export Kollektiv mit Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ und zwölf Jugendlichen Premiere seiner neuesten Produktion. Regisseur Bassam Ghazi wählte dafür die Fassung von Tina Müller. Das Besondere an ihr: die Handlung wird in die Gegenwart verlegt und die Geschichte nicht aus der Perspektive des Lehrers, sondern der Schüler*innen erzählt.


Premiere: 23. Oktober 2020

 

Von Marvin Wittiber

 

Das geht gleich gut los: Ensemble-Küken Ruben Chwilkowski heizt das Premierenpublikum im Prolog zum Stück direkt mal mit einer Trigger-Warnung für alle AfD-Wähler*innen ein, die sich - falls auch noch humorfrei - doch bitte outen, aufstehen und den Raum verlassen sollten. Denn das, was in den nächsten gut 90 Minuten zu sehen sein wird, soll politischer Zündstoff jener Klasse sein, der zweifelsfrei polarisieren wird. Dass so eine dem Abend vorweg gesendete Message die Erwartungen beim Publikum in die Höhe schnellen lässt, war abzusehen. Wenig überraschend verlässt den Saal natürlich niemand - im Vergleich zu sonstigen Vorstellungen des Schauspiel Köln sitzt hier nämlich ohnehin ein deutlich jüngeres, diverseres und linkeres Publikum. Stattdessen hier und da hämisches Gekicher aus dem Corona-bedingt dezidierten Zuschauerraum. Denkt man jedoch nach dem Epilog, der auch wieder ganz allein in den Händen des jüngsten Ensemblemitglieds liegt, an dieses Versprechen zurück, muss man leider feststellen, dass es uneingelöst geblieben ist. Große Klappe, nichts dahinter quasi. Aber warum dann dieser Auftakt und wohin will soll er führen?


Aber von vorne: „Jugend ohne Gott" heißt der Roman, den der Autor Ödön von Horváth 1937 mit seiner Veröffentlichung in die Welt entsendete und der daraufhin just verboten wurde. Das Buch handelt von der Geburt des Faschismus in Nazideutschland, die anhand des schwierigen Verhältnisses zwischen einer Klasse und ihrem Lehrer erzählt wird. Um die Entindividualisierung des und der Einzelnen und das Verkommen zu einer großen Masse zu unterstreichen, gibt Horváth beinahe all seinen Figuren keine Namen, sondern benennt sie nur mit Buchstaben oder Bezeichnungen wie „Der Lehrer". Im Zentrum der Handlung steht die Ermordung eines Schülers während des Zeltlagers, der sich wie ein Kriminalfall langsam entspinnt. Die Theaterfassung von Tina Müller, welche im April 2019 von Nurkan Erpulat am Maxim Gorki Theater uraufgeführt wurde, holt die Handlung in die Gegenwart und nimmt nicht wie im Original die Perspektive des Lehrers, sondern die Perspektive der Schüler*innen ein. Die Fassung, die eigentlich nur für acht Spieler*innen konzipiert ist, inszeniert Regisseur Bassam Ghazi mit zwölf Mitgliedern seines Import Export Kollektivs und besetzt mit ihnen im Gegensatz zur Uraufführungsversion sowohl die erwachsenen als auch die jugendlichen Figuren.


Nach dem Prolog setzt die Inszenierung gleich mitten im Gerichtsprozess an. Die Darstellerinnen und Darsteller stehen in Reih und Glied in einem riesigen Rechteck, natürlich mit ausreichend Abstand, auf der unverkleideten Bühne im Depot 2. Im Zentrum steht ein riesiges Stahlkonstrukt, das die Optik einer gekippten Schultafel mit hölzernem Rahmen hat. Die Schräge, die sich auf der Rückseite ergibt und mit Leuchtstoffröhren ausgestattet ist, fungiert als eine Art geheimer Unterschlupf. Das komplette Element ist durch Krafteinsatz des Ensembles jederzeit drehbar und kann in immer neue Positionen gebracht werden. Die Kostüme nehmen den Prozess der schleichenden Entindividualisierung auf und sind vor allem farblich auf den ersten Blick zwar grundverschieden, haben aber sich ähnelnde Formen und Bänder, die an den Prototyp einer Uniformierung erinnern. Ohnehin vergeht hier eine ganze Weile, bis man sich zurechtgefunden hat und versteht, was hier gerade vor Gericht verhandelt wird und wer wer ist. Erschwert wird das ganze, indem zu Beginn die Texte einzelner Figuren teils von verschiedenen, teils von mehreren Spieler*innen chorisch gesprochen werden.


Die Spannung, die das spielwütige Ensemble an diesem Abend aufbringt, stimmt zu jeder Zeit. Die Figuren bekommen Gesicht und doch fehlt es ihnen an Charakter, weil Gesprochenes hier inhaltlich wie akustisch stets gleich klingt. Das Individuelle wird gekappt und die Schulklasse verschwimmt zu einer radikalen Einheitsmasse. Die Wahrheit und das Gewissen des oder der Einzelnen sind verloren und ausgemustert, eine Figur wie Gott schlicht nicht mehr systemrelevant. Ersetzt wird das ganze durch den nationalsozialistischen Sprech, den die Schüler*innen von ihrer Umgebung aufgenommen und ohne zu hinterfragen adaptiert haben. Zweifel gibt es nicht und wenn dann nur im Geheimen. Die Vereinzelung der Figuren, die vor allem in den vielen Monolog- und Dialogszenen zum Ausdruck kommen, geht mit den ohnehin vorgeschrieben Abstandsregeln Hand in Hand. Allerdings fehlt es den Figuren an Tiefe, damit die Zuschauer*innen sie spannend finden und an ihnen dranbleiben. Und da liegt wohl die größte Schwäche des Abends, weil die schauspielerische Qualität des nicht-professionellen Ensembles dafür leider nicht ausreicht. Das Kollektiv kommt an seine natürliche schauspielerische Leistungsgrenze. Dazu kommt, dass der Abend dramaturgische Schwächen aufweist und die Sprechszenen und Choreografien nicht gut ineinandergreifen, sondern oft wie bindungslos aneinandergereiht aussehen. Grundsätzlich stellt sich daher die Frage, wo der Leiter des Kollektivs künstlerisch mit dem insgesamt 28-köpfigen Ensemble hinmöchte. Die Entwicklung seit Gründung des Kollektivs 2015 geht weg von Stückentwicklungen hin zum Aufführen von einem Theaterkanon, der schlicht ein anderes Niveau einfordert, das die sympathisch aufspielende Truppe nun mal ohne Sprecherziehung nicht erreichen kann. Dennoch findet der Abend vor allem durch seine spürbar familiäre und nahbare Stimmung im Saal ein versöhnliches Ende. Allein die Sichtbarkeit von so viel Diversität auf der Bühne, die heutzutage aufgrund seiner Seltenheit leider immer noch besonders hervorgehoben werden muss, und das Sprühen vor Freude am Theater ist nicht nur ein Gewinn für die Spieler*innen und das Publikum, sondern für das gesamte Schauspiel Köln.